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Mittwoch, 17. August 2011

ZDF erklärt, was "heiliger Krieg" ist. Oder doch nicht?

Im Unterschied zum ebenfalls durch das ZDF produzierten Dreiteiler „Morgenland“, der ohne Umschweife zum Postulat des überlegenen islamischen Hoch-Kulturmenschen des Mittelalters kam, bedient sich der erste Teil der neuen Dokumentarreihe „Der Heilige Krieg“ (Di., 16.8., 20:15 Uhr) verfeinerter Manipulationstechniken. In erster Linie läuft es darauf hinaus, dass Muslime und Christen in ihrem Verhältnis zu Gewalt äquidistant seien. Soll dies, wie im Film, anhand der frühislamischen Expansion bis zur Abwehrschlacht von Tours und Poitiers im Jahre 732 veranschaulicht werden, müssen notwendigerweise alle Informationen verschwiegen werden, die dieser Darstellung widersprechen.
Auffällig ist zunächst, dass „Der Heilige Krieg“ wie zuvor schon „Morgenland“ peinlich genau das angebliche Bilderverbot des Islam einhält; eine Verkörperung des „Propheten“ Mohammed findet sich hier wie dort in keiner der Spielszenen. Jetzt aber erfüllt dieser Kunstgriff einen ganz praktischen Nutzen, nämlich den, zwischen der reinen Lehre Mohammeds und seinen Nachfolgern einen Keil zu treiben, so dass ersterer nicht durch die Taten letzterer in den Schmutz gezogen werden kann. Und genau hier beginnt „Der Heilige Krieg“ mit der Geschichtsklitterung: es war wohl kein Anonymus, der (wie im Film) die einschlägigen Verse des Koran und die Macht Allahs beschwor, um weltliche Macht zu gewinnen, sondern es war Mohammed selbst; bis zu seinem Tod im Jahre 632 brachten die Muslime nahezu die gesamte arabische Halbinsel unter ihre Kontrolle.
Ohne auf das wirkliche Verhältnis des Christentums und des Islam zur Gewaltfrage einzugehen lässt sich sagen, dass beide Weltreligionen ein Aspekt verbindet, der sie zugleich von allen anderen Religionen unterscheidet und uns als wahre und wichtigste Gemeinsamkeit erscheint: beide sind universalistisch veranlagt und trachten zumindest theoretisch danach, ihren Geltungsanspruch weltweit zu verbreiten. Im Christentum erscheint dieser Anspruch im „macht euch die Erde untertan“, aber vor allem „gehet hin und lehret alle Völker“. Die islamischen Schlüsselverse laut Koran:
Sura 9, Vers 29:
Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den Jüngsten Tag glauben, und die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen - von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten.
Sura 9, Vers 33:
Er [Allah] ist es, Der Seinen Gesandten mit der Führung und der wahren Religion geschickt hat, auf daß Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse; mag es den Götzendienern auch zuwider sein. (Übers. Rassoul)
Über Jahrhunderte hinweg bildeten diese und andere, inhaltlich höchst ähnliche Passagen das Fundament des Dhimma-Prinzips, der Herrschaft der Muslime über unterworfene Juden und Christen, die um den Preis dauerhafter Erniedrigung und einer besonderen Kopfsteuer zumindest vor weiteren Verfolgungen „geschützt“ waren. Je weniger diese rigiden Vorschriften befolgt wurden, die eine horizontale Teilung der Gesellschaft zementierten, um so „toleranter“ präsentierte sich die „islamische“ Kultur, etwa in Andalusien unter Herrschaft der Almoraviden bis zur Zeit der großen Judenpogrome und -Vertreibungen.
Im ZDF-Fünfteiler „Der Heilige Krieg“ fehlen solche Informationen freilich ganz. Sie stehen schließlich dem Ziel der Sendung entgegen, nämlich der Beweisführung, dass sowohl die christliche als auch die islamische Religion über Jahrhunderte quasi synchron „instrumentalisiert“ und „missbraucht“ worden seien – auch wenn sich weder in der Bibel, noch in der christlichen Praxis Konzepte finden lassen, die der Dhimma auch nur entfernt ähneln. Während also die kriegerisch-politische Komponente des Islam vertuscht wird, liegt besonderes Augenmerk auf nichtmuslimischer Gewalt und ihrer vermeintlichen Verbindung zum Christentum: in Spielszenen wird eine gerade Linie konstruiert von der Reliquienverehrung durch die Kämpfer vor Tours und Poitiers bis zur Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen durch Karl den Großen.
In den letzten Minuten gibt die Sendung einen stichpunktartigen Ausblick auf die Episoden 2 bis 5 von „Der Heilige Krieg“ - was die Umkehrung bzw. Erfindung von Kausalketten zur Stützung der These im Sekundentakt nach sich zieht. So ist der islamische „Dschihad“ anders als behauptet keine Antwort auf die christlichen Kreuzzüge, sondern umgekehrt waren die Kreuzzüge eine ursprünglich räumlich und zeitlich genau begrenzte Reaktion auf den universellen islamischen Dschihad. Die Expansion des Osmanischen Reiches setzte auch nicht erst in der „Mitte des 15. Jahrhunderts“ (also mit dem Fall Konstantinopels) ein, sondern wenigstens zweihundert Jahre zuvor.
Als vorläufiges Fazit gilt hier, dass auch „Der Heilige Krieg“ kein gelungener Beitrag zur Vermittlung historischer Faktizität ist, sondern sich mit einseitiger Darstellung einmal mehr der Mittel des verlogenen „Dialogs“ der Kulturen bedient, in dem unangenehme Wahrheiten einfach ignoriert werden. Wer diese dennoch ausspricht, gilt als Nestbeschmutzer, wahrscheinlicher noch als Islamophob, schlimmstenfalls als „Rassist“.

Samstag, 11. September 2010

"Forum am Freitag" erklärt uns den Dschihad

Das islamische "Forum am Freitag" (ZDF) erklärt uns in seiner neuesten Ausgabe vom 10. September den "Heiligen Krieg". - Keine Sorge, Abdul-Ahmad Rashid hat keine fatwa erlasssen, sondern plaudert mit dem Islamwissenschaftler Prof. Bülent Ucar über den Begriff des Dschihad an sich. Dieser ist selbst gläubiger Muslim, was sich vor allem darin ausdrückt, dass er sich innerlich gegen die Erkenntnis sträubt, dass die militärische Komponente des Dschihad eben auf Mohammed selbst zurück geht und nicht erst auf dessen Nachfolger. So seien die Dschihad-Eroberungen des Islam den christlichen Kreuzzügen gegenüber zu stellen - wobei Ucar aussen vor lässt, dass die Christen erst rund elf Jahrhunderte nach dem Tod ihres Religionsstifters Kreuzzüge veranstalteten, es sich bei diesen um räumlich und zeitlich begrenzte Unternehmungen handelte und in der ganzen Bibel kein dem Dschihad vergleichbares Konzept zu finden ist, während die muslimischen Araber nur 100 Jahre nach Mohammeds Tod bereits mitten in Frankreich standen und erst das Hilfegesuch des byzantinischen Kaisers Alexios Komnenos an Papst Urban II. gegen die muslimischen Seldschuken im 11. Jahrhundert zum Auslöser der Kreuzzüge wurde.
Trotzdem hätte ich die Sendung wohl kommentarlos abgehakt, denn schließlich sind darin durchaus kritische Ansätze vorhanden, wenngleich auch keiner davon zu erklären vermag, weshalb der militärische, oder besser, gewaltsame Dschihad in unserer Gegenwart wieder zum globalen Phänomen werden konnte.  Ein Detail erweckte jedoch meine Aufmerksamkeit. Im Film wird ein Tierarzt Dr. Ali Hassan vorgestellt, der eine Definition von Dschihad gibt, in welcher es ab Minute 4:10 heißt: "...auf dem geraden Weg zu bleiben, das ist, den verbündeten Muslimen und den verbündeten Nichtmuslimen zu helfen." Der "gerade Weg" ist aber eine gängige Metapher für die Scharia, das gottgegebene islamische Rechtssystem. Und darum habe ich für das Forum des "Forum am Freitag" folgenden bislang nicht freigegebenen Beitrag verfasst:
Leider wird der volle Umfang des Dschihad-Begriffs durch die Erklärungen des Prof. Ucar nicht ausgeschöpft. Auf die Motivation der Gotteskrieger, die zwischen Marokko und Malaysia, Tschetschenien und Jemen "auf dem Pfad Allahs ausschreiten" (Wortbedeutung Dschihad), um "den Islam" vor respektlosen Nichtmuslimen zu "verteidigen", wird mit nahezu keinem Wort eingegangen. Dieses Deutungsspektrum klingt schon in der Schilderung des im Film vorgestellten aufgeklärten Muslims Dr. Ali Hassan an: "Der Dschihad dient (...) der Unterstützung von verbündeten Muslimen und verbündeten Nichtmuslimen..." (ab ca. 4:10 im Video).
Der Dschihad der militanten Gotteskrieger beruft sich auf die im Koran festgeschriebenen Maßnahmen, die Mohammed ergriff, um die Herrschaft des Islam zu sichern und dessen Geltungsbereich zu erweitern, insbesondere Sure 8 und 9. In Sure 8 heißt es:
"Und diejenigen, die geglaubt haben und ausgewandert sind und für Allahs Sache gekämpft haben, und jene, die (ihnen) Herberge und Hilfe gaben - diese sind in der Tat wahre Gläubige. Ihnen wird Vergebung und eine ehrenvolle Versorgung zuteil sein." (74)
"Und die, welche hernach glauben und auswandern und (für Allahs Sache) an eurer Seite kämpfen werden - sie gehören zu euch; und (unter) Blutsverwandten stehen sich im Buche Allahs die einen näher als die anderen. Wahrlich, Allah weiß wohl alle Dinge." (75)
Und in Sure 9:
"Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den Jüngsten Tag glauben, und die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen - von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten." (29)
"Allah ist es, Der Seinen Gesandten mit der Führung und der wahren Religion geschickt hat, auf daß Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse; mag es den Götzendienern auch zuwider sein." (33)
Reformerische islamische Gemeinschaften wie die Ahmadiyya lehnen die militärisch-gewaltförmige Variante des Dschihad strikt ab. Orthodoxe islamische Schulen werfen den Ahmadis darum vor, sie führten überhaupt keinen Dschihad. Die Ahmadiyya versucht jedoch die Geltung der Scharia, des gottgegebenen islamischen Rechts und den "geraden Weg" (vgl. Dr. Ali Hassan im Film), durch eine "spirituelle Revolution" herzustellen.
In der vom Islamischen Zentrum München (IZM) herausgegebenen Schrift "Die Erziehung unserer Kinder" spielt Fatima Grimm auf ein in der Sammlung von Muslim überliefertes Hadith über die Arten des Dschihad an wenn sie schreibt: "Denn kämpfen für Gottes Sache lässt sich zwar vor allem mit dem Schwert; wo dies jedoch nicht möglich oder notwendig ist, auch mit der Feder, dem Spaten, dem Skalpell oder meinetwegen sogar mit der Nähnadel oder dem Kochlöffel.
Der Dschihad ist ein Verteidigungskampf gegen alle Kräfte, die den Islam anzugreifen versuchen. Wenn wir mit wachem, offenem Blick die Weltlage betrachten, so finden wir, dass dieser Angriff von allen nur erdenklichen Seiten mit allen nur möglichen Mitteln ohne Unterlass geführt wird." (Zitatende)
Knapper lässt sich die Weltanschauung militanter Dschihadisten kaum zusammenfassen.
Bis heute führt der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) Fatima Grimm als Ehrenmitglied. Eine Distanzierung von Grimms Aussagen ist nie erfolgt.
Die ersten islamischen Kriege wurde nicht von Mohammeds Nachfolgern, sondern nachweislich von diesem selbst geplant und durchgeführt. Aus diesem Grund ist die Selbstidentifikation der heutigen Gotteskrieger mit dem Prophetenvorbild ungebrochen.Noch zu dessen Lebzeiten brachten die Anhänger Mohammeds nahezu die gesamte arabische Halbinsel unter ihre Kontrolle.
Insgesamt wünschte ich mir eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Dschihad-Begriff im Rahmen des "Forums am Freitag".
Link: "Forum am Freitag" über Dschihad in der ZDF-Mediathek
Link: Offizielles ZDF-Forum des "Forums am Freitag"